Warum wir Einstein kennen, aber kaum ihre Namen – Der Matilda-Effekt

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Von den Geschichtsbüchern bis in die Hörsäle: Wie wissenschaftliche Leistungen von Frauen unsichtbar gemacht wurden und warum die Forschung bis heute darunter leidet.

5. Solvay-Konferenz 1927 mit Marie Curie in der Mitte unter 28 Männern
Solvay-Konferenz 1927: 29 der klügsten Köpfe der Welt – und mit Marie Curie genau eine einzige Frau[1]. Wie viele Wissenschaftlerinnen fehlen wohl auf dieser Aufnahme, weil sie gar nicht erst zugelassen wurden?
Foto: Benjamin Couprie / Institut International de Physique Solvay via Wikimedia Commons (Public Domain)

❓ Der Blitz-Check: Teste dein Wissen!

Was glaubst du: Wie viel Prozent aller Nobelpreise in den Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Medizin) gingen seit 1901 an Frauen?

  • A) ca. 12 %
  • B) ca. 7 %
  • C) unter 4 %
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Richtig ist C: Es sind tatsächlich nur knapp 3,7 %![2]
Von über 640 ausgezeichneten Personen in den naturwissenschaftlichen Kategorien waren bis dato gerade einmal 25 Frauen. Liegt das daran, dass Frauen im Laufe der Jahrhunderte keine Forschung betrieben haben? Die Wissenschaftsgeschichte belegt eindeutig: Keineswegs[7].

Das Phänomen: Der Matilda-Effekt

Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum in historischen Abhandlungen fast ausschließlich Männer als alleinige Schöpfer bahnbrechender Theorien gefeiert werden? Die Wissenschaftssoziologie hat für dieses systematische Ausblenden einen präzisen Fachbegriff: Den Matilda-Effekt[3].

Geprägt wurde der Begriff 1993 von der renommierten Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter. Benannt hat sie ihn nach der US-amerikanischen Suffragette und Autorin Matilda Joslyn Gage, die bereits im späten 19. Jahrhundert anprangerte, dass männliche Forscher die geistigen Errungenschaften ihrer Kolleginnen nur zu gerne als ihre eigenen ausgaben[3].

Der Matilda-Effekt beschreibt kein Versehen, sondern ein strukturelles Muster: Forschungsergebnisse von Wissenschaftlerinnen wurden im Prozess der akademischen Anerkennung wiederholt ignoriert, übergangen oder schlicht ihren männlichen Vorgesetzten, Ehemännern oder Laborkollegen zugeschrieben.

Eng verwandt ist dieses Phänomen mit dem soziologischen Matthew-Effekt („Wer hat, dem wird gegeben“)[5]. In der Praxis bedeutete dies oft eine verhängnisvolle Dynamik: Bereits etablierte, männliche Lehrstuhlinhaber erhielten für eine Entdeckung die volle Aufmerksamkeit und Zitationsprominenz der Fachwelt, während die essenzielle Vorarbeit, Datenanalyse oder gar die grundlegende Hypothese von Ko-Autorinnen im Kleingedruckten verschwand oder gänzlich ungenannt blieb.

Dass es sich hierbei keineswegs um ein rein historisches Relikt handelt, zeigen moderne bibliometrische Studien: Noch immer werden wissenschaftliche Arbeiten von Erstautorinnen im Schnitt seltener zitiert als jene ihrer männlichen Kollegen bei vergleichbarer Qualität[6]. Der Matilda-Effekt wirkt somit als leise, aber wirkmächtige Hürde in akademischen Laufbahnen fort – von der Vergabe von Forschungsgeldern bis hin zu Berufungsverfahren für Professuren.

👁️‍🗨️ Der Schatten-Vorhang: Wer bewies die Wärmewirkung von CO2?

Fahre mit der Maus über das dunkle Feld oder tippe es auf dem Smartphone an, um die verdrängte Geschichte aufzudecken:

Schon drei Jahre VOR dem irischen Physiker John Tyndall bewies diese US-amerikanische Forscherin im Jahr 1856 experimentell, dass Sonnenstrahlen in CO2-haltiger Luft zu einer deutlich stf_a8rkeren Erwärmung führen. Bei der offiziellen Wissenschaftstagung der AAAS durfte sie ihre eigene Arbeit jedoch nicht einmal selbst präsentieren – ein Mann las ihr Paper vor.
Die Auflösung: Es war Eunice Newton Foote[4].
Wusstet ihr, dass wir dieser faszinierenden Pionierin der Klimaforschung bereits ein ausführliches Porträt gewidmet haben?
➡️ Hier liest du die komplette Geschichte von Eunice Foote

Vom Schatten in das Licht: Die Pop-up-Ausstellung in der Steiermark

Eunice Foote ist kein Einzelfall. Fälle wie jene von Rosalind Franklin (DNA-Doppelhelix), Lise Meitner (Kernspaltung) oder Jocelyn Bell Burnell (Pulsare) zeigen, wie tief der Matilda-Effekt in unserer Kultur verankert ist.

Doch die Zeiten des Schweigens sind vorbei. In unserer kommenden Pop-up-Ausstellung „Frauen in der Wissenschaft – Von Schatten in das Licht“ (Graz, 2026) holen wir herausragende WissenschaftlerInnen mitten in den öffentlichen Raum der Steiermark.

Danksagung & Partnerschaften:
Ein herzlicher Dank gilt der Stadt Graz, die unser Vorhaben mit einer Anschubfinanzierung unterstützt und den wichtigen Grundstein für dieses Projekt legt. Um die Ausstellung in ihrer vollen visuellen und inhaltlichen Fülle umzusetzen, befinden wir uns aktuell im aktiven Austausch mit weiteren potentiellen PartnerInnen.
  • Welche steirischen und internationalen Forscherinnen wir verarbeiten?
  • Wie ihre Entdeckungen (neu) interpretiert werden?

Das verraten wir euch Schritt für Schritt in den nächsten Monaten. Bleibt gespannt!

📚 Wissenschaftliche Quellen & Referenzen

  1. Institut International de Physique Solvay (1927): Électrons et Photons. Rapports et Discussions du Cinquième Conseil de Physique. Gauthier-Villars, Paris. Photo: Benjamin Couprie. Bildquelle: Wikimedia Commons (Gemeinfrei / Public Domain).
  2. Nobel Prize Outreach AB (2026): Nobel Prize facts in Physics, Chemistry and Physiology or Medicine (1901–2025). Offizielle Statistik abrufbar unter: nobelprize.org.
  3. Rossiter, Margaret W. (1993): The Matthew Matilda Effect in Science. In: Social Studies of Science, Vol. 23, No. 2, S. 325–341. DOI: 10.1177/030631293023002004.
  4. Foote, Eunice (1856): Circumstances affecting the Heat of the Sun’s Rays. In: The American Journal of Science and Arts, Vol. 22, S. 382–383. (Foote wies hierin erstmals die Erwärmungswirkung von CO2 nach).
  5. Merton, Robert K. (1968): The Matthew Effect in Science: The reward and communication systems of science are considered. In: Science, Vol. 159, No. 3810, S. 56–63.
  6. Knobloch-Westerwick, Silvia et al. (2013): The Matilda Effect in Science Communication: An Experiment on Gender Bias in Publication Quality Perceptions and Collaboration Interest. In: Science Communication, Vol. 35, No. 5, S. 603–625.
  7. Schiebinger, Londa (1989): The Mind Has No Sex? Women in the Origins of Modern Science. Harvard University Press, Cambridge (MA). (Standardwerk der Wissenschaftsgeschichte zur kontinuierlichen Forschung von Frauen trotz institutioneller Hürden).