Die Grazer Nobelpreisgarde

Graz

Stadt der Wissenschaft

«In Graz weht ein Geist der Freiheit, der die Gedanken fliegen lässt.»

Warum ausgerechnet Graz?

Wie wurde eine kleine Stadt an der Mur zum Epizentrum der Weltwissenschaft?

Um 1900 war Graz das „steirische Athen“. Dank einer liberalen Unipolitik und dem Willen zur absoluten Präzision versammelten sich hier Köpfe, die woanders keinen Platz fanden. Es war ein Biotop der Neugier – man kannte sich, man stritt im Wirtshaus über Atome und man veränderte im Labor die Welt.

Pencil Drawing: Grazer Pioniergeist

Das Goldene Zeitalter: Die Dichte an Genies wie Hess, Loewi und Pregl war kein Zufall. Die Universität Graz bot damals eine seltene Kombination aus erstklassiger Ausstattung und akademischer Freiheit. Graz war „the place to be“ für alle, die das Unsichtbare messbar machen wollten.

Der bittere Bruch (Brain Drain): In den 1930er Jahren endete dieser Höhenflug abrupt. Der aufkommende Nationalsozialismus vertrieb die klügsten Köpfe. Otto Loewi musste sein Nobelpreis-Preisgeld abgeben, um das Land lebend verlassen zu können; Erwin Schrödinger kehrte der Stadt den Rücken. Graz verlor innerhalb weniger Jahre sein wissenschaftliches Herz – ein Verlust, der Jahrzehnte nachwirkte.

Die Rückkehr der Giganten: Heute schließt sich der Kreis. Graz ist wieder ein Weltzentrum – diesmal für Quantenphysik und Nanotechnologie. Wenn Forscher heute an verschränkten Teilchen arbeiten, atmen sie denselben Pioniergeist wie einst Schrödinger, Loewi und Hess.

Otto Loewi

Medizin, 1936

«In der Nacht zum Ostersamstag 1921 wachte ich auf, […] ging ins Labor, führte das […] Experiment am Froschherz durch, und um fünf Uhr war die chemische Übertragung des Nervenimpulses endgültig bewiesen.»

Der Postbote der Nerven

Wusstest du, dass Nerven sich keine E-Mails schicken, sondern Briefe schreiben?

Otto Loewi bewies in Graz, dass unsere Nerven nicht nur wie elektrische Kabel funktionieren. Sie nutzen chemische Botenstoffe – sogenannte Neurotransmitter –, um Signale von Zelle zu Zelle zu übermitteln.

Das Otto-Loewi-Experiment von 1921

Der Traum und der Frosch: Loewi träumte die Idee für sein Experiment. Er nahm zwei Froschherzen. Das eine stimulierte er elektrisch, das andere nicht. Beide waren nur durch eine Flüssigkeit verbunden. Als er das erste Herz stimulierte, schlug es langsamer. Kurz darauf schlug auch das zweite Herz langsamer, obwohl es gar nicht stimuliert wurde! Die Flüssigkeit hatte den „Vagusstoff“ (heute Acetylcholin) übertragen.

Möchtest du den Loewi-Code im Maschinenraum entschlüsseln?

Zum Loewi-Code →

Die Flucht: Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde Loewi aufgrund seiner jüdischen Herkunft verhaftet. Er musste das Preisgeld seines Nobelpreises den Nazis überschreiben, um die Erlaubnis zur Ausreise zu erhalten.


Quellen & Forschung: Nobel Biography

Victor Franz Hess

Physik, 1936

«Um die beobachtete Ionisation zu erklären, muss man annehmen, dass eine Strahlung von sehr hoher Durchdringungskraft von oben in unsere Atmosphäre eindringt.»

Der Entdecker des Dauerregens aus dem All

Wusstest du, dass wir ständig von unsichtbaren Teilchen aus dem Weltraum bombardiert werden?

Victor Franz Hess bewies 1912 unter Einsatz seines Lebens, dass eine hochenergetische Strahlung aus dem Kosmos auf die Erde trifft. Er legte damit den Grundstein für die gesamte moderne Astroteilchenphysik.

Victor Franz Hess bei seiner Ballonfahrt 1912

Die Todesfahrt im Ballon: Hess stieg im Ballon „Böhmen“ auf über 5.300 Meter auf. Ohne Sauerstoff und bei eisiger Kälte maß er die Ionisation der Luft. Sein Ergebnis: Die Strahlung nimmt nach oben hin massiv zu. Damit war klar: Sie kommt nicht aus der Erde, sondern aus dem Weltraum.

Willst du sehen, was Hess in 5.000 Metern Höhe gemessen hat?

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Nobelpreis in Graz: Hess forschte lange Zeit in Graz und erhielt 1936 den Nobelpreis. Seine Entdeckung der „kosmischen Höhenstrahlung“ öffnete uns ein völlig neues Fenster zum Universum.


Quellen & Forschung: Nobel Biography

Erwin Schrödinger

Physik, 1933

«Die Quantenphysik zeigt uns, dass die Welt weitaus phantastischer ist, als wir es uns je erträumt haben.»

Der Wellenreiter

Erwin Schrödinger veränderte unser Verständnis der Materie für immer. Mit seiner berühmten Wellengleichung legte er das Fundament für die moderne Quantenmechanik.

Erwin Schrödinger

Wellenmechanik: Er beschrieb Elektronen nicht als Teilchen auf festen Bahnen, sondern als Wellenfunktionen.

Grazer Jahre: Von 1936 bis 1938 war Schrödinger Professor an der Universität Graz, bevor er aufgrund der politischen Lage emigrieren musste.

Relevanz: Seine Formeln sind heute die Basis für Lasertechnologie und Halbleiter-Physik.

Fritz Pregl

Chemie, 1923

«Man muss die Natur mit ihren eigenen Waffen schlagen: Mit der unendlichen Geduld des Details.»

Der Herr der Mikrogramm

Wusstest du, dass man früher riesige Mengen Stoff brauchte, um ein Rätsel der Chemie zu lösen?

Fritz Pregl revolutionierte in Graz die Chemie. Vor ihm brauchten Forscher Unmengen an Material für eine Analyse. Pregl erfand Methoden und Instrumente, mit denen winzigste Spuren – kaum sichtbar für das Auge – exakt bestimmt werden konnten.

Pencil Drawing: Die Geburtsstunde der Mikroanalyse (1923)

Die Mikrowaage: Das Herzstück seiner Arbeit war eine Waage, die auf den Millionstel Gramm genau ging. Pregl entwickelte sie in jahrelanger Kleinarbeit in seinem Grazer Labor. Damit konnte er die chemische Zusammensetzung von Stoffen bestimmen, von denen er nur ein paar Körnchen zur Verfügung hatte.

Ein echter Grazer Tüftler: Pregl war bekannt für seine Akribie. Er entwarf seine Glasgeräte oft selbst und arbeitete eng mit lokalen Mechanikern zusammen, um die Präzision zu erreichen, die er brauchte. Seine Methoden sparten Chemikern weltweit Monate an Arbeit.

Relevanz heute: Ohne die Mikroanalyse gäbe es keine moderne Umweltanalytik oder Forensik. Jedes Mal, wenn heute ein Labor eine winzige Blutprobe auf hunderte Werte testet, steckt ein Stück von Fritz Pregls Grazer Pioniergeist darin.


Quellen & Forschung: Nobel Biography | Uni Graz: Die Pregl-Sammlung

Julius Wagner-Jauregg

Medizin, 1927

«Man muss das Feuer mit dem Feuer bekämpfen.»

Der Heiler des Wahnsinns

Wusstest du, dass man früher eine schwere Krankheit mit einer anderen heilte?

Julius Wagner-Jauregg machte eine unglaubliche Beobachtung: Patienten mit schweren Geisteskrankheiten wurden plötzlich gesund, wenn sie hohes Fieber bekamen. In seiner Grazer Zeit legte er den Grundstein für die revolutionäre „Malariatherapie“.

Pencil Drawing: Die Malaria-Therapie

Die Fieberkurve: Vor der Erfindung von Antibiotika war die Syphilis im Endstadium (Paralyse) ein Todesurteil. Wagner-Jauregg infizierte diese Patienten kontrolliert mit Malaria. Das dadurch ausgelöste Fieber tötete die Bakterien ab. Die Malaria wurde danach einfach mit Chinin geheilt.

Grazer Spuren: Von 1889 bis 1893 war er Professor in Graz. Hier forschte er auch zur Kropf-Prävention durch jodiertes Salz – eine Maßnahme, die wir heute noch alle im Supermarkt kaufen (Jodsalz).

Relevanz heute: Er war der erste Psychiater, der den Nobelpreis erhielt. Er bewies, dass psychische Leiden oft biologische Ursachen haben, die man gezielt behandeln kann.


Quellen & Forschung: Nobel Biography | Nationalbibliothek: Der Pionier

«Der Grazer Funke springt über…»

Neben der festen „Garde“ der Universität Graz gab es Forscher, die hier ihre Wurzeln hatten, ihre Studienjahre verbrachten oder für entscheidende Jahre in den Grazer Laboren wirkten. Sie trugen den Pioniergeist der Stadt hinaus in die Welt.

Karl von Frisch

Medizin / Physiologie, 1973

«Die Sprache der Bienen ist wie ein offenes Buch, wenn man nur lernt, darin zu lesen.»

Der Bienenvater

Wusstest du, dass Bienen tanzen, um einander zu zeigen, wo es Futter gibt?

Karl von Frisch war ein Meister der Tierbeobachtung. Er verbrachte Jahrzehnte damit, das Verhalten von Bienen zu studieren und knackte schließlich den Code ihrer „Tanzsprache“. Obwohl er den Nobelpreis für seine Zeit in München erhielt, war er auch an der Universität Graz aktiv.

Pencil Drawing: Die Sprache der Bienen (1973)

Die Sprache des Tanzes: Karl von Frisch entdeckte, dass Bienen zwei Haupttänze haben. Den „Rundtanz“ (für Quellen in der Nähe) und den „Schwänzeltanz“ für weiter entfernte Ziele. Durch die Geschwindigkeit und den Winkel zur Sonne teilt die Biene exakt Richtung und Distanz mit.

Die Grazer Connection: Von Frisch war von 1946 bis 1950 Professor in Graz. In dieser Zeit baute er das Zoologische Institut nach dem Krieg wieder auf und vertiefte seine Forschungen zum Orientierungssinn der Bienen unter dem Grazer Himmel.

Relevanz heute: Seine Arbeit ist das Fundament der modernen Verhaltensbiologie. Er bewies, dass wir durch präzise Beobachtung und Experimente die komplexen Kommunikations- und Sinnessysteme von Tieren verstehen können, was heute in der Ökologie und Robotik (Schwarmintelligenz) essenziell ist.


Quellen & Forschung: Nobel Biography | Stadt Graz: Von Frisch

Gerty & Carl Cori

Medizin, 1947

«Wissenschaft ist keine Arbeit, sie ist ein gemeinsames Leben.»

Das Forscher-Ehepaar

Wusstest du, dass ein Ehepaar gemeinsam die Geheimnisse unseres Stoffwechsels knackte?

Gerty und Carl Cori waren unzertrennlich. Sie entschlüsselten den „Cori-Zyklus“, der erklärt, wie unser Körper Zucker in Energie verwandelt. Bevor sie in den USA zu Weltruhm gelangten, forschten beide zu Beginn der 1920er Jahre an der Universität Graz.

Pencil Drawing: Der Cori-Zyklus (1947)

Der Cori-Zyklus: Ihre Entdeckung beschreibt den Kreislauf von Glukose und Laktat zwischen Muskel und Leber. Dies war der entscheidende Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Kohlenhydratstoffwechsels.

Die Grazer Realität: Carl Cori war von 1920 bis 1922 Assistent am Pharmakologischen Institut in Graz. Da Gerty Cori aufgrund der damaligen Vorurteile gegenüber Frauen und des wachsenden Antisemitismus keine Chance auf eine akademische Karriere sah, verließ das Paar Graz Richtung USA – dort vollendeten sie ihre Nobelpreis-Forschung.

Pionierarbeit für Frauen: Gerty Cori war die erste Frau überhaupt, die den Nobelpreis für Medizin erhielt. Damit brach sie den Weg für Generationen von Wissenschaftlerinnen nach ihr.


Quellen & Forschung: Nobel Biography | Stadt Graz: Cori

Ludwig Boltzmann

Fast ein Nobelpreis

«Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.»

Rubrik: Knapp daneben!

Wusstest du, dass Boltzmann die Unordnung berechenbar machte?

Ludwig Boltzmann revolutionierte die Physik in Graz. Er erkannte, dass Wärme die statistische Bewegung von Atomen ist – eine Idee, die seiner Zeit weit voraus war.

Ludwig Boltzmann

Die Brücke zum Chaos: Diese Gleichung verbindet die Welt, die wir sehen (S), mit der Welt der Atome (W).

S = k * log W
S = Entropie (Unordnung)
k = Boltzmann-Konstante
ln = Natürlicher Logarithmus
W = Wahrscheinlichkeit

Willst du die statistische Mechanik hinter dem Chaos sehen?

Zum Boltzmann-Code →

Die Bedeutung: Die Natur strebt immer zum Zustand der höchsten Wahrscheinlichkeit. Da es für „Chaos“ viel mehr Möglichkeiten gibt als für „Ordnung“, nimmt die Unordnung (Entropie) ganz automatisch zu.

→ Alle Formeln in „Der Code der Welt“ entdecken

Wissenschafts-Fact: Boltzmann wurde mehrfach nominiert, verstarb aber tragischerweise 1906 kurz vor einer möglichen Verleihung.

Vertiefendes Wissen

Die Bibliothek der Giganten

Graz bewahrt das Erbe seiner Nobelpreisträger sorgfältig. Wenn du tiefer in die Originaldokumente, persönlichen Gegenstände und die Grazer Forschungsgeschichte eintauchen willst, sind diese Orte dein Ziel:

„Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.“